Der 28. Oktober 2013, ein außergewöhnlicher Schultag

 

Eigentlich begann dieser Montag wie so viele Montage im Herbst. Ich stand mit hochgestelltem Kragen auf dem Schulhof, machte die Frühaufsicht und begrüßte unter anderen ein Geburtstagskind mit einer riesigen Box mit Muffins, die während des Matheunterrichts verspeist werden sollten. Nette Aussichten! In besagter Mathestunde - so gegen 11.00 Uhr - gab es neben den Muffins und Matheaufgaben Gespräche unter den Fachleuten der Klasse über die Stärke des Windes. Es war nicht wirklich Auffälliges zu beobachten.

Während der 6. Stunde wurde es zusehends ungemütlicher, die Grundschulkinder, die nicht im Ganztag angemeldet waren, gingen nach Hause oder wurden abgeholt.

Anschließend saßen wir, Kinder des Ganztags, Betreuer und einige Lehrkräfte in der Aula und aßen in einem eher kleinen Kreis zu Mittag, da noch eine größere Gruppe in der Turnhalle Unterricht hatte.

Das Unheil kündigte sich durch den Alarm an, der Frau Hansen zu einem Feuerwehreinsatz rief. Eine Reinigungskraft, die zum Dienst erschien, berichtete von herumfliegenden Dachschindeln im Ort.

Ich erinnere mich, dass ich meine Schultasche und Jacke holte, um nach Hause zu gehen. Im Gang zum Lehrerzimmer flogen kleine Steinchen gegen die Oberlichter - es hörte sich an, als ob man Popcorn zubereitet. Vor der Tür bemerkte man dann erst das Ausmaß des Windes und es wurde rasend schnell immer heftiger. Der Hausmeister berichtete von herumfliegenden Steinen und es wäre besser alle Kinder würden nach Hause gehen. Vor der Turnhalle standen etliche Eltern, die vernünftigerweise ihre Kinder vom Sportunterricht abholen wollten unter anderen auch Herr Müller, der Rektor, und seine Frau. Ich stellte meine Tasche im Flur ab und ging zu den Eltern. So wurde dann gemeinsam organisiert, dass Kinder anderer Familien auch begleitet nach Hause konnten. Mit allen verbliebenen Schülern und Schülerinnen sind wir zum Haupteingang gegangen. Eigentlich sollten sie zum Essen in die Aula gehen und dann anschließend Hausaufgaben machen. Dann jedoch überschlugen sich die Ereignisse. Der Hausmeister stellte fest, dass der Zugang zu den Klassenräumen, vorbei an den Glasfronten der Flure zu gefährlich sei, da eine Scheibe bereits geborsten war und das Dach der Nachmittagsbetreuung und des Deutschraumes sich bewegen würden. Nach kurzer Überlegung wurde dann beschlossen den Raum des Schülerlabors zu öffnen und mit den Kinder dorthin zu gehen, um dann alles weitere zu organisieren.

Dieser Raum liegt im Halbkeller, hat zur Westseite keine Fenster und die recht kleinen neuen Fenster zum Schulhof sind aus Sicherheitsglas. Der Hausmeister und die Reinigungskräfte holten die Sachen der Kinder aus dem Flur und die „Kleinen“ machten sich eifrig an ihre Hausaufgaben. Das Mittagessen für die älteren Schüler entfiel dann, weil trotz heruntergelassener Jalousien sich die Fenster der Küche bogen.

Alle Schüler und Schülerinnen wurden in das Labor geschickt und richteten sich ein. Die älteren Schüler fragten, ob sie ihre Handys nutzen dürften, was ich ihnen erlaubt habe.

Ich saß mit den Kindern am Tisch als die Feuerwehr erschien, und gemeinsam mit Herrn Müller mit meinem Schlüsselbund die Zugänge zu Küche, Aula, Lehrerzimmer, den Flur vor der Aula und vor dem Sekretariat und den Fluren zu versperren. Es gab plötzlich keinen Zugang zu Telefonanlage und Telefonlisten mehr. Die Versuche Eltern anzurufen und den Heimweg der Kinder zu organisieren wurden weiter erschwert. Erfreulicherweise hatte ich in meiner Schultasche die Mappe mit den Telefonketten und Schüler und fast alle Erwachsenen haben versucht mit ihren Handys etwas zu regeln. Frau Hansen in voller Feuerwehrausrüstung und mit Funkgerät ausgestattet, blieb als „Aufsicht“ vor dem Ausgang stehen und dann kam die Ausgangssperre. Wieder wurde versucht Angehörige zu informieren -  wieder teilweise mit nur mäßigem Erfolg.

Im Labor und im Treppenhaus zur Aula saßen nun fast 20 Schüler und Schülerinnen der Klassen 1 bis 9 und ca. 12 Erwachsene. Die „Kleinen“ hatten inzwischen aufgegeben ihre Hausaufgaben zu machen, da sie sich nicht konzentrieren konnten, als urplötzlich etwas Riesiges, Schwarzes über uns hinwegrollte, gegen die Fassade der Turnhalle prallte und liegen blieb. „Was ist das?“  „ Das war das Dach!“

Die Kleinen begriffen zunächst gar nichts. Die Größeren machten sofort Fotos und posteten sie bei Facebook. Es flogen Styroporteile auf dem Schulhof herum und prallten gelegentlich gegen die Fenster. Die riesige schwarze Rolle bewegte sich jedoch erfreulicherweise nicht mehr. Weitere Feuerwehrmänner kamen, gingen wieder und wurden fast von kleineren Dachteilen getroffen, die noch vom Dach fielen. Wir saßen sicher im Keller, hatten es warm und hell. Ich habe die Feuerwehrleute nicht beneidet. Sie machten gerade einen verdammt gefährlichen Job! Die Kleinen haben dann angefangen zu malen, herumfliegende Dächer und kaputte Fenster. Die Größeren, auch das Geburtstagskind, saßen lieber bei den anderen Erwachsenen auf der Treppe oder spielten mit den Handys. Erstaunlicherweise erhöhte sich die Anzahl der Erwachsenen, da einige Elternteile sich trotz aller Gefahren und des Ausgangsverbotes auf den Weg zu ihren Kindern gemacht hatten. Sie blieben dann bis zur Aufhebung der Ausgangssperre bei uns. Nach der Aufhebung der Ausgangssperre wurden die Kinder mit einem Fahrzeug der Feuerwehr nach Haus gebracht und den Eltern übergeben. Auch jetzt waren manche Eltern nicht oder nur schwer erreichbar.

Die anschließende Begehung des Gebäudes zeigte dann das Ausmaß der Schäden und der einsetzende Regen machte sofort die Folgen des fehlenden Daches deutlich: fließendes Wasser in allen Räumen.

Während viele der Erwachsenen, u. a. der Hausmeister und Herr Müller noch PCs und andere wertvolle Dinge abgedeckt haben, bin ich nach Hause gegangen, da war es bereits 16.30 Uhr und habe damit begonnen, den Unterricht für den nächsten Tag abzusagen. Das Auslösen der Telefonketten dauerte ewig lang! Über 2 Stunden! So einen Schultag möchte ich nicht noch einmal erleben, aber ich bin froh, dass alle Personen den Tag unverletzt überstanden haben.

 

Doris Steenbock

 

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Impressionen derVeränderung unseres Hauptgebäudes

- mit langwierigen Folgen für alle Beteiligten:

 

Wo vorher eine einheitliche Fläche war...

Schulgebäude

 

... ist es jetzt ein bisschen "bunter".

 Das Dach ist weg I

 

Das Dach ist weg II

 

Das Dach hat sich in einer wellenförmigen Bewegung auf den Schulhof verholt.

Dach auf dem Schulhof

 

Dachisolierung vor dem Schülerlabor

 

Zum Glück hat es aber auch dafür gesorgt, dass ein Teil des Gebäudes verschont blieb.

Schutz der Innenhofscheiben

 

Durch den Salzwasserschleier

 

Am nächsten Tag gab es viel (unerwartete) Hilfe. Einen Herzlichen Dank an die Mitarbeiter der Gemeinde und ganz besonders an die vielen Kollegen der Firma Siemens!

Fleißige Helfer

 

Fleißige Helfer III

 

Auch im Gebäude hat sich einiges verändert: Zum Beispiel hatte zwischenzeitlich das Küchenfenster einen neuen Platz gefunden, ...

Das Küchenfenster an seinem neuen Platz

 

... die meisten Decken haben einen neuen "Anstrich" bekommen ... 

.. wie fast alle Decken im Hauptgebäude ...

 

... oder die Lust verloren an ihren Plätzen zu bleiben.

Deckenloch

 

Letztlich gab es auch noch einen etwas außergewöhlichen "Katastrophentouristen" auf dem Schulhof - leider halfen alle Wiederbelebungsversuche nichts mehr...

Ein ungewöhnlicher Gast auf dem Schulhof