Südafrika zu Gast im Englischunterricht
Wenn das Schulbuch plötzlich zum Leben erwacht
Normalerweise begegnet Südafrika der 10. Klasse vor allem im Englischbuch. Kurz vor den Herbstferien war das anders: Plötzlich saß ein echter Südafrikaner im Klassenraum und konnte von seinem Heimatland, seiner eigenen Geschichte und seinen persönlichen Erfahrungen erzählen.
Wie fühlt es sich an, das Ende der Apartheid selbst miterlebt zu haben? Was bedeutet die hohe Jugendarbeitslosigkeit für junge Menschen in Südafrika? Und wie sieht der Alltag in einem Land aus, das für seine beeindruckende Natur ebenso bekannt ist wie für seine kulturelle Vielfalt?
Antworten auf diese und viele weitere Fragen gab es diesmal nicht im Schulbuch, sondern direkt aus erster Hand: Die 10. Klasse durfte Julian Pichler, einen Südafrikaner, der in diesem Jahr als Saisonkraft auf der Insel arbeitet, zu einem ganz besonderen Gespräch im Englischunterricht begrüßen. Englischlehrerin Martina Mangelsdorf hatte ihn eingeladen, um das Schulbuchthema „Diversity in South Africa“ mit persönlichen Erfahrungen und lebensnahen Einblicken zu verbinden. Denn manchmal wird ein Unterrichtsthema erst dann wirklich greifbar, wenn einem plötzlich ein Mensch gegenübersitzt, der seine ganz eigene Geschichte dazu erzählen kann.
Im Vorfeld hatten die Schülerinnen und Schüler in Kleingruppen Fragen zu verschiedenen Themenbereichen vorbereitet. Nachdem Julian sich vorgestellt hatte, dienten diese Fragen als Ausgangspunkt für ein offenes Gespräch in lockerer Runde.
Zunächst ging es um die Zeit der Apartheid und darum, wie Julian diese prägende Phase der südafrikanischen Geschichte selbst erlebt hat. Während des Soweto-Aufstands war er noch ein Kind. An das Ende der Apartheid und die Wahl Nelson Mandelas zum ersten schwarzen Präsidenten Südafrikas konnte er sich dagegen noch gut erinnern. Besonders lebhaft berichtete er davon, dass er kurz zuvor den damals zweijährigen Pflichtwehrdienst verweigert hatte und deshalb vorübergehend das Land verlassen musste.
Anschließend richtete sich der Blick auf die Nationalparks Südafrikas und die unterschiedlichen, teilweise kontroversen Perspektiven auf (Jagd-)Tourismus, Wilderei und Naturschutz. Eine weitere Schülergruppe hatte sich mit dem Thema Jugendkultur in Südafrika beschäftigt und stellte Fragen zur hohen Jugendarbeitslosigkeit, zum Schulsystem und zu den Zukunftsaussichten junger Menschen im Land. Auch über die Wasserknappheit in Südafrika und die dort lebenden gefährlichsten Tiere wurde gesprochen – und so verging die Unterrichtsstunde wie im Flug.
Im Anschluss waren sich die Zehntklässler einig: Das Gespräch mit Julian war spannend, informativ und eine willkommene Abwechslung zum Unterricht mit dem Schulbuch. Denn so wichtig und sinnvoll es ist, sich mit dem Thema Vielfalt auseinanderzusetzen – eine persönliche Begegnung und der direkte Austausch mit einem Menschen, der selbst über seine Erfahrungen berichtet, können durch ein Schulbuch nicht ersetzt werden.
Passend zum Thema gab es zum Abschluss noch eine besondere Verbindung zum aktuellen Kalender: Nur wenige Tage zuvor, am 24. September, wurde in Südafrika der Heritage Day gefeiert. An diesem Tag stehen die unterschiedlichen Kulturen, Traditionen und Geschichten des Landes im Mittelpunkt. Gemeinsamkeiten sollen sichtbar werden und das Bewusstsein für die Einheit und Vielfalt der südafrikanischen Gesellschaft gestärkt werden.
Damit hat diese besondere Englischstunde auf ganz eigene Weise genau das ermöglicht, was im Unterricht oft nur theoretisch behandelt wird: Begegnung, Austausch und ein besseres Verständnis für die Vielfalt verschiedener Kulturen und Lebensgeschichten.
